Mindful Leadership: Achtsames Führen in und nach Pandemie-Zeiten

Die Corona-Pandemie hat das Arbeitsleben vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Wie Achtsamkeit beim Führen die Rückkehr und den Übergang zu Hybrid Work erleichtern kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach der Pandemie wünschen sich viele Mitarbeiter/-innen eine neue Form des Arbeitens: Hybrid Work. Denn der Mix aus Präsenz und Homeoffice bietet viel Flexibilität.
  • Die Veränderungen während der COVID-19-Pandemie stellen traditionelle Formen von Führung in Frage. Künftig werden Chefs gefordert sein, diesen Wandel aktiv zu fördern und zu gestalten.
  • Mindful Leadership kann aus Sicht von Forschern/-innen ein wichtiger Schlüssel dazu sein. Viele Effekte von Achtsamkeitspraktiken sind bereits untersucht und die Wirksamkeit in Studien nachgewiesen.
  • Auch in der Praxis haben sich Achtsamkeitsprogramme in vielen Unternehmen weltweit bewährt.
Das Spektrum an Achtsamkeitspraktiken ist so groß wie die Orte, an denen sich Übungen dazu praktizieren lassen. Foto: S Migaj, Unsplash

Das Jahr 2020 hat die Arbeitswelt der meisten Menschen durcheinandergewirbelt und digitaler gemacht: Homeoffice statt Büro, Video-Konferenzen statt Meetings, flexible Arbeitszeiten, virtuelle Teams und multimediale Fortbildungen. Wo immer möglich, arbeitete man von Zuhause; mit dem Laptop lenkten Führungskräfte ganze Abteilungen vom Küchentisch aus und neue Kollegen/-innen kannte man nur vom Bildschirm. Das war ungewohnt, spielte sich aber ein: Projekte wurden fertig und gute Entscheidungen fielen auch virtuell. An voll besetze Büros gewohnte Chefs lernten, dass gute Zusammenarbeit auch digital gut funktionieren kann. Diese neuen Erfahrungen brachen die alte Präsenzkultur auf und bereiteten dem Bürozwang vielerorts ein Ende. Freiheiten taten sich auf, die vorher undenkbar schienen und Chefs machten die Erfahrung, dass Vertrauen in Mitarbeiter/-innen nicht nur eine Floskel ist, sondern wertvolles Kapital – gerade und insbesondere in Krisenzeiten.

Pandemie-Trend Hybrid Work: Mix aus Homeoffice und Arbeiten im Büro

Dieser Digitalisierungsschub dürfte sich fortsetzen. Denn, obwohl eine Rückkehr an die Arbeitsplätze und Business as usual wieder in greifbare Nähe rückt, könnte sich eine neue Form des Arbeitens durchsetzen: Hybrid Work, ein Mix aus Präsenz im Büro und Homeoffice, der das Arbeitsleben flexibler und vielfältiger als bislang macht. Das nämlich spart Zeit und Ressourcen, schont die Umwelt und fördert unter bestimmten Umständen auch die Kreativität, da Mitarbeiter/-innen von starren Zeitstrukturen befreit sind und besser ihrem eigenen Biorhythmus entsprechend arbeiten können. Er macht Arbeitgeber attraktiv vor für allem junge Mitarbeiter/-innen, die mehr Selbstbestimmung möchten. Aktuelle Umfragen zeigen, dass viele Beschäftige nach der Pandemie genau diesen Mix wünschen.

Neues Führungsmodell Mindful Leadership

Neue Zeiten brauchen neue Chefs, die das nicht nur zulassen, sondern aktiv fördern und gestalten können, die entspannt und mit einem gewissen Pioniergeist auf die Veränderungen reagieren können. Das stellt traditionelle Modelle von Führung in Frage; im Gegenzug werden Fähigkeiten wie Selbstverantwortung und Kommunikation eine wichtigere Rolle spielen. Wie aber lassen sich die neuen Konzepte in den Arbeitsalltag integrieren? Eine Antwort lautet: mit Mindful Leadership, achtsamer Führung.

Das Konzept der Achtsamkeit stammt ursprünglich aus der buddhistischen Lehre. Foto: Chris Ensey, Unsplash.

Wo kommt der Megatrend Achtsamkeit her?

Das Konzept der Achtsamkeit stammt ursprünglich aus dem Buddhismus und hat innerhalb der letzten 40 Jahre auch im Westen Einzug gehalten. Inzwischen findet es in der Medizin, in Gesundheitsprogrammen und in der Psychologie breite Anwendung. Jedes Jahr widmen sich zahlreiche klinische Studien und neurowissenschaftliche Untersuchungen dem Phänomen der Achtsamkeit – allein für das Jahr 2020 listet die amerikanische National Library of Medicine, die größte medizinische Bibliothek weltweit, nahezu 3.000 Veröffentlichungen zum Thema ‚Mindfulness‘ auf; innerhalb der letzten zehn Jahre sind die Publikationen zu diesem Thema stetig angestiegen. Die mentale Praktik der Achtsamkeit besteht im Kern daraus, die eigene Aufmerksamkeit bewusst auf das Wesentliche im gegenwärtigen Moment zu lenken und so den Geist zu fokussieren. Dazu gehört die Fähigkeit, Situationen zu akzeptieren, ohne sie zu bewerten und aus dieser Ruhe heraus klüger zu (re-)agieren: „Es ist eine Präsenz des Geistes, eine Aufmerksamkeit auf alles, was im Feld unserer Erfahrung entsteht, daran Anteil zu haben, aber ohne Wertung und einfach nur präsent sein für alles, was passiert“, erklärt der renommierte Achtsamkeits-Vertreter Alan Wallace aus Kalifornien. Der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn begründete die Achtsamkeits-Methode der Mindfulness-Based-Stress-Reduction (MBSR), die heute in vielen Kliniken erfolgreich eingesetzt wird. Er betont: „MBSR beinhaltet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen. Diese Art der Aufmerksamkeit fördert die Klarheit sowie die Fähigkeit, die Realität des gegenwärtigen Augenblicks zu akzeptieren.“ So wirke Achtsamkeit stärkend und öffne Zugänge zu Kreativität, Intelligenz, Klarheit und Entschlossenheit – zentralen Führungsqualitäten also.

Achtsamkeitsmeditationen wirken ganzheitlich auf Körper und Geist und senken nachweislich den Blutdruck. Foto: Darius Bashar, Unsplash.

Der positive Einfluss von Achtsamkeit ist messbar

Studien haben viele positive Wirkungen auf Psyche und Körper belegt. Achtsamkeit hilft gegen Stress, Ängste und Depressionen und sie erleichtert den Umgang mit vielen, auch chronischen Erkrankungen. Eine großangelegte Überblicksstudie der kanadischen klinischen Psychologin Linda Carlson fasste als Ergebnis von 114 einzelnen Untersuchungen zusammen, dass Achtsamkeitspraktiken die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen mit körperlichen Erkrankungen signifikant erhöhen. Stress, Ängste und Depressionen waren bei den Teilnehmern mit Achtsamkeitsinterventionen deutlich niedriger. Was uns gesundheitlich und im Alltag hilft, kann am Arbeitsplatz nicht falsch sein, dachten Manager und übertrugen das Konzept aufs Business. 2007 setzte Chade-Meng Tan beim Google-Konzern eine kleine Revolution in Gang: Statt sich nur auf Zahlen, Umsatz und Effizienz zu konzentrieren, entwickelte er gemeinsam mit Wissenschaftlern wie Kabat-Zinn das Programm „Search Inside Yourself“ (SIY). Es basiert auf den Prinzipien Aufmerksamkeit und Selbsterkenntnis sowie bestimmten geistigen Gewohnheiten. Wer es regelmäßig praktiziert, wird gelassener, zufriedener, kreativer und am Ende erfolgreicher – so die Idee.

Unternehmen nutzen Achtsamkeitsprogramme gegen Arbeitsstress

Nach Pionier-Unternehmen wie Google, Apple, SAP oder Bosch entdecken immer mehr Firmen das Prinzip Achtsamkeit. Und der Erfolg gibt ihnen Recht, denn das Denken „out of the box“ üblicher Führungstools zeigt viele positive Effekte. Insbesondere die Forschungsergebnisse zur Stressbewältigung sind sehr positiv. Gerade der Umgang mit Stress spielt in Krisenzeiten eine wichtige Rolle für Führungskräfte. Weitere Effekte sind: gesteigerte Konzentrationsfähigkeit und kreativere Problemlösekompetenz, eine verbesserte Selbst- und Fremdwahrnehmung, eine erhöhte emotionale Intelligenz und Entscheidungsfähigkeit, mehr Empathie und Netzwerk-Kompetenz sowie ein flexibler Umgang mit Herausforderungen. So zeigten einzelne Studien, dass sich zum Beispiel bei Lehrern die emotionalen Fähigkeiten verbesserten. Sie konnten die eigenen Gefühle und Gedanken besser steuern, waren positiver gestimmt und konnten Probleme besser lösen.

Auch Yogapraktiken schärfen den Fokus auf die eigene Atmung und Körperhaltung und gehören daher zum Programm vieler Achtsamkeitskurse. Foto: Callum Shaw, Unsplash.

SAPs Achtsamkeitstraining ist ein Erfolgsmodell

Bei SAP ist Global Mindfulness Practice seit Jahren eines der erfolgreichsten Mitarbeiterprogramme. Es unterstützt Arbeitnehmern/-innen dabei, im Arbeitsalltag mehr innere Ruhe, Klarheit und Selbstfürsorge zu entwickeln. Zentrales Ziel ist die Stärkung der emotionalen Intelligenz und des eigenen Selbst-Bewusstseins. In kleinen, neurowissenschaftlich fundierten Übungen lernen Teilnehmer/-innen vor allem stressige Momente mit achtsamen Praktiken auszugleichen – etwa bei kurzen achtsamen Spaziergängen in langsamem Tempo den Fokus auf Füße und Boden richten, bei einer ruhigen Minute der inneren Sammlung vor einem Meeting oder mithilfe von achtsamen Essen. Für akute Stresssituationen lernt man die 3 Atemzüge-Technik: Mit dem ersten Einatmen fokussiert man nur auf den Atem, mit dem zweiten Atemzug lässt man die körperliche Anspannung fallen, um dann beim dritten Atemholen ruhig zu überlegen, was als erstes und Wichtigstes getan werden muss. „Führungskräfte schwören darauf – und der positive Effekt auf das Unternehmen ist nicht von der Hand zu weisen: Die Mitarbeiter sind motivierter und haben größeres Vertrauen zu den Führungskräften. Gleichzeitig sind die Fehlzeiten zurückgegangen. Mitarbeiter, die Achtsamkeit praktizieren, berichten, dass sie im Job zufriedener sind, sich besser konzentrieren können, klarer denken und kreativer geworden sind“, erklärt Peter Bostelmann der MEDISinn-Redaktion. Als Gründer und Leiter des Programms ist er quasi der Achtsamkeitschef des Konzerns und führte das Programm zuerst intern ein. Seit 2017 implementiert SAP es auch in anderen Firmen wie Siemens oder Procter & Gamble. Warum hat das Mindfulness-Training einen so durchschlagenden Erfolg? Achtsamen Chefs fällt es leichter, Mitarbeiter zu motivieren, Visionen zu vermitteln, mit Stress und Veränderungen umzugehen, ist Bostelmann überzeugt. Michael Jäger, Projektleiter bei SAP, bestätigt diese Erfahrungen: „Mir hat es geholfen, fokussierter zu sein. Es macht extrem den Kopf frei und hilft, Sachen strukturierter anzugehen“, so sein Fazit. Rund 13.000 Mitarbeiter/-innen haben das Programm bei SAP durchlaufen und weitere 9.000 stehen aktuell auf der Warteliste.

Sind achtsame Chefs die besseren Chefs?

Was aber machen achtsame Chefs eigentlich besser? Ein Praxisbeispiel: Führungskraft Bernd Meyer (Name von der Redaktion geändert) leitet die Personalabteilung eines mittelständischen Unternehmens in Süddeutschland. Sein Blutdruck ist meist leicht erhöht. Als erfahrene Führungskraft findet er im Normalfall für alle üblichen Probleme rasche, gute Lösungen. Kommt es aber zu größeren Konflikten, reagiert der 55-Jährige seit der Corona-Pandemie zunehmend gereizt. Er fährt er nun öfter aus der Haut, weil langjährig eingespielte Routinen nicht mehr greifen. Hinterher tut ihm sein aufbrausendes Verhalten leid, da sich der Stress auf seine Mitarbeiter/-innen überträgt. Immer häufiger ist er verunsichert und fühlt sich ausgebrannt.

Achtsamkeitstrainings reduzieren nicht nur Stress, sondern fördern nachweislich die emotionale Intelligenz – eine Kernkompetenz für Führungskräfte, die gerade für Hybrid Work essentiell ist. Foto: Aki Tolentino, Unsplash.

Kernkompetenz emotionale Intelligenz

„Wir wissen, dass, je achtsamer Führungskräfte sind, die Mitarbeiter umso zufriedener bei der Arbeit sind und ein geringeres Risiko haben, auszubrennen. Wohl, weil achtsame Chefs emotional intelligenter sind“, berichtet Jutta Tobias-Mortlock, Senior Lecturer für Organisationspsychologie an der City University London. Als Mitbegründerin des Centre for Excellence in Mindfulness Research (CEMR) hat sie die Ergebnisse vieler Studien zusammengetragen und kommt zu dem Schluss, dass Achtsamkeit Führungskräften hilft, ihre Emotionen besser zu regulieren, was sie ausgeglichener mache und dadurch ihr prosoziales Verhalten fördere. Der Hintergrund: Ein erhöhtes Stresslevel steigert impulsive Reaktionsmuster und verringert wiederum nachgewiesener Weise soziales Verhalten. Bernd Meyer steht also durchaus nicht alleine da mit dieser Problematik. Laut einer Studie der Kapala Leadership Academy konnten Befragte, die an einem Achtsamkeitstraining teilgenommen hatten, danach deutlich besser mit Stress umgehen. Sie fühlten sich weniger belastet und angespannt, und in Aufmerksamkeitstests schnitten sie besser ab. Weitere Studien zeigen, dass Achtsamkeit zu mehr Produktivität, besseren Beziehungen und mehr Wohlbefinden am Arbeitsplatz führt sowie kognitive Fähigkeiten und das Arbeitsgedächtnis verbessert. Letzteres speichert aufgenommene Informationen kurzfristig, um sie dann später in das Langzeitgedächtnis aufzunehmen oder damit zu vergleichen. Es ist eine wichtige Komponente für das Lösen komplexer Aufgaben und Probleme. Außerdem steigen die emotionale Intelligenz und die Qualität von Entscheidungen. Stress, Depressionen und Ängste sowie Fehltage aufgrund von psychischen Problemen lassen sich reduzieren. Und Hybrid Work wird genau das brauchen: Techniken, um Stress zu reduzieren, Konzentration und Kreativität zu steigern. Chefs von morgen müssen mit Veränderungen gelassen und flexibel umgehen können.

Wie sich Achtsamkeit im Berufsalltag umsetzen lässt

Die Studienlage ist also vielversprechend, doch wie sieht die Praxis aus? Wie wird man zur achtsamen Führungskraft? Und wie nimmt man Angestellte und Kollegen mit? Meditation in der Mittagspause? Yogamatte statt Yuccapalme? Kloster-Retreat als Betriebsausflug? Achtsame Führung hat nichts mit Esoterik zu tun und ist keineswegs spiritueller Hokuspokus. Zurück zu unserem Beispiel: Abteilungsleiter Bernd Meyer wartet im Mindful-Leadership-Kurs nicht peinlich berührt auf Erleuchtung, wie er zunächst befürchtet hatte. Er lernt innerhalb von vier Wochen vielmehr bestimmte handfeste Techniken der Aufmerksamkeitslenkung, der Selbstentspannung und Akzeptanz, um Situationen und Gefühle sowie körperliche Symptome besser wahrnehmen und ohne Wertung akzeptieren zu können. Aus dieser Ruhe kann er nach ein paar Monaten Achtsamkeitspraxis mit wenigen Minuten am Tag insbesondere in Momenten, in denen der Stress überhand zu nehmen droht, besser handeln, ist fokussierter, ausgeglichener und verliert weniger schnell die Geduld mit seinen Mitarbeitern/-innen. Die Stimmung in seiner Abteilung hat deutlichen Aufwind bekommen – ein großer Erfolg, findet auch Bernd Meyer.

Inhalte von Achtsamkeitstrainings

Das Kurs-Angebot ist groß; jeder Trainer setzt eigene Schwerpunkte. Bestandteil jedes Achtsamkeitstrainings aber ist, zu lernen, den Moment, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen; Situationen nicht vorschnell zu bewerten oder rein emotional darauf zu reagieren, etwa mit Ärger, Wut oder Angst. So lernen Führungskräfte, die vielen Eindrücke, die täglich auf sie einprasseln, in Ruhe zu ordnen und sich von ihnen nicht überfluten zu lassen. Das muss regelmäßig geübt werden. Nicht jede Übung ist für jeden gleich effizient. Gabriela Wischeropp, strategische Beraterin für Gesundheitsmananagement und Emotionale Intelligenz, erklärt: „Es lohnt sich für jeden, ein größeres Spektrum an bewährten Achtsamkeitstechniken auszuprobieren und für sich das zu etablieren, was am wirksamsten empfunden wird. Und: Übung macht auch hier den Meister! Es dauert eine Weile, um alte Gewohnheiten aufzugeben, etwa in Konflikten nicht mehr aufbrausend zu reagieren oder angstgetriebene Entscheidungen zu treffen.“ Die Achtsamkeitstrainerin empfiehlt zum Einstieg einmal folgende Übung auszuprobieren:


Mikro-Tool für den achtsamen Alltag: Die herzfokussierte Atmung

Kommen Sie aktiv und achtsam in Kontakt zu Ihrem Körper. Ein zentrales Organ in unserem Körper ist unser Herz. Über den Herzrhythmus kommuniziert das Herz mit dem ganzen Körper und eben auch mit dem Gehirn. Stress oder körperliche Anstrengung verändern den Herzrhythmus. Dauerstress macht sich meist irgendwann als Bluthochdruck oder Herzrasen bemerkbar. Beeinflusst wird unser Herz durch unsere Emotionen und Gedanken. In der Regel steuern Menschen dies aber nicht bewusst und sind ihnen stattdessen eher ausgeliefert. Denn abhängig davon, wie der Tag gerade verläuft, sich Kollegen/-innen, Mitarbeiter/-innen, Kunden oder andere Mitmenschen verhalten, fühlt man sich beispielsweise ausgeglichen, zufrieden, frustriert oder verärgert. Die erstaunliche Wirkung fasst Gabriela Wischeropp folgendermaßen zusammen: „Wer Achtsamkeit praktiziert, dreht dieses Ursache-Wirkungsprinzip um und reguliert seine Emotionen und Gedanken und damit den eigenen Herzrhythmus willentlich. Dabei spielt auch die Atmung eine wichtige Rolle. Die moderne Herzkohärenzforschung weiß heute, dass wir mit mentalen Techniken und unserer Atmung sowohl unsere Gedanken und Emotionen als auch unseren Herzrhythmus selbst steuern können, statt von ihnen gesteuert zu werden. Dadurch können wir sogar die Produktion von Stress- und Glückshormonen beeinflussen.“

Viele Achtsamkeitstechniken basieren auf einer ruhigen, kontrollierten Ein-und Ausatmung. Foto: Fabian Moller, Unsplah.

Übungsanleitung zur herzfokussierten Atmung

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Herzbereich. Stellen Sie sich vor, wie Sie durch Ihr Herz ein- und ausatmen. Nehmen Sie tiefe Atemzüge. Wenn Sie dies nur eine Minute für acht, neun Atemzüge machen, werden Sie spüren, dass sich etwas verändert: Sie werden ruhiger und achtsamer.

Natürlich können Sie diese Übung auch länger als eine Minute durchführen, wenn Sie möchten. Sollten Sie gedanklich abschweifen – was Sie sehr wahrscheinlich tun werden – konzentrieren Sie sich einfach wieder erneut auf Ihren Herzbereich. Üben Sie regelmäßig, auch in normalen Situationen. Dann hilft die Übung in stressigen Zeiten umso besser.

Positive Effekte der regelmäßig angewandten Achtsamkeitsübung

  • Kopf freibekommen: Durch die mentale Fokussierung auf den Herzbereich lernen Sie Ihr Gedankenkarussel anzuhalten. Je öfter Sie das üben, desto besser wird es Ihnen gelingen.
  • Stresspegel senken: Durch die Atmung nehmen Sie Einfluss auf Ihren Herzrhythmus und Ihr autonomes Nervensystem. Tiefe, lange Atemzüge signalisieren Ihrem Nervensystem, dass Sie in Sicherheit sind. Im Gegensatz dazu atmen wir bei Stress eher schnell und flach, was den ganzen Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Denn Stress bedeutet immer, dass sich unser Überlebensmodus einschaltet. Die innere Warnlampe leuchtet dann automatisch auf und signalisiert „Gefahr“. Mit modernen Biofeedbackgeräten lässt sich die zunehmende Beruhigung sogar in Echtzeit messbar. Subjektiv werden Sie bemerken, dass Ihr Stresspegel sinkt. Dann funktionieren auch Kommunikation, Entscheidungsfreudigkeit und Lösungsorientierung besser.
  • Adhoc innere Ruhe finden: Die Übung funktioniert im Auto, im Badezimmer, im Büro, auf dem Weg zum Parkplatz, im Zug oder Flugzeug, an der Supermarktkasse, vor dem Einschlafen, vor oder nach schwierigen Gesprächen … und gerade auch in Besprechungen. Wenden Sie die Technik an, wenn Sie sich ärgern, unruhig werden oder genervt sind, bevor Sie reagieren. Dann sind Sie achtsamer, ressourcenorientierter und reagieren wahrscheinlich konstruktiver. Gleichzeitig reduzieren Sie die Ausschüttung von Stresshormonen.

Theorie und Praxis von Mindfulness-Kursen

Trainings für achtsame Führungskräfte setzen sich meist aus Theorie und praktischen Übungen zusammen. Neurowissenschaftliche Grundlagen, etwa von Stress und negativen Emotionen, werden vermittelt, Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung geübt. Teilnehmer lernen, sich besser zu beobachten und negative Emotionen zu regulieren, Ziele klar zu formulieren und sich effektiver aus sich selbst heraus zu motivieren. In praktischen Übungen trainieren sie, aufmerksamer und empathischer zu sein, anderen zugewandter zu begegnen und Konflikte konstruktiver zu lösen. Es geht also nicht um Effizienzsteigerung, sondern um Konzentration, Gelassenheit und im weitesten Sinn auch um die Weiterentwicklung der Persönlichkeit. Und das kann dann sogar auf den Rest des Lebens ausstrahlen. Bei der Implementierung in Unternehmen ist es wichtig, Achtsamkeit als ganzheitlichen Ansatz zu begreifen, der sich nur in einem Rahmen von breiter angelegten Gesundheitsprogrammen umsetzen lässt. Es geht letztlich um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter/-innen und nicht lediglich darum, die Effizienz in stressigen Arbeitsumgebungen mit hoher Belastung zu steigern. Daher sollten Achtsamkeitsprogramme je nach Ausgangslage etwa mit firmeninternen Gesundheitskursen, Resilienztrainings oder Seminaren der Führungskräfteentwicklng kombiniert werden. Am Ende steht nicht der/die effiziente Mitarbeiter/-in, sondern ein gesundes Unternehmen.

Achtsames Führen - der Methodenkoffer

Basierend auf den oben skizzierten Erkenntnissen haben wir im Folgenden zentrale Säulen des Konzepts achtsamer Führung zusammengefasst – als Methodenkoffer für den leichten Einstieg in Mindfulness am Arbeitsplatz.

Am Markt gibt es inzwischen viele Trainings für Mindful Leadership. Coaches und Akademien vermitteln sogar in IHK-zertifizierten Programmen Methoden für achtsames Führen. So unterschiedlich sie im Detail sein mögen, beinhalten doch alle einige zentrale Aspekte:

Aufmerksamkeit

„Aufmerksamkeit ist die Grundvoraussetzung aller höheren kognitiven und emotionalen Prozesse. Deshalb muss jeder Lehrplan zur Steigerung der emotionalen Intelligenz mit der Schulung der Aufmerksamkeit beginnen“ , sagt Chade-Meng Tan, Gründer des Search Inside Yourself-Programms bei Google. Führungskräfte müssen täglich ihre Aufmerksamkeit fokussieren – auf die Bedürfnisse der Firma und der Mitarbeiter/-innen, aber auch für die eigenen. Daher ist ihre bewusste Steuerung, das Fokussieren auf den Moment, auf ein Gefühl, eine Situation oder auf den eigenen Körper wichtiger Teil der Trainings, meist beginnend mit dem Fokus auf den Atem.

Akzeptanz

Man kennt das: Eine schwierige Situation, ein Konflikt, ein unfreundlicher Zeitgenosse löst Ärger in uns aus, sofort sind wir auf 180. Hier hilft Achtsamkeitstraining, erst einmal das zu akzeptieren, was ist. Nicht zu urteilen, sich nicht von Ärger, Aggressionen und anderen negative Gefühle fremdbestimmen zu lassen, sondern die Situation anzunehmen, wie sie ist, und dann aus der Ruhe heraus reflektiert und besonnen zu handeln.

Atmen

Wer darin geübt ist, sich mit ein paar tiefen Atemzügen zu entspannen, kann die Technik vor einer stressigen Präsentation, einem Meeting oder in Konflikten anwenden, um gezielt zu entspannen. Handy aus, bequem sitzen, Augen schließen, für einige Minuten auf den eigenen Atem konzentrieren, ihn einfach fließen lassen, ohne ihn zu beeinflussen. Gedanken oder Gefühle, die dabei auftauchen, sollte man ziehen lassen, ohne sie festzuhalten. Was zunächst banal klingt, senkt nicht nur nachweislich den Blutdruck, sondern erfordert ein gewisses Maß an vor allem regelmäßiger – am besten täglicher – Übung: Einige Minuten Atemtraining kann jeder regelmäßig, etwa in der Mittagspause oder im Bus, in den Tagesablauf einbauen. Jon Kabat-Zinn vergleicht Achtsamkeitstraining oft mit Jogging: Was in den Siebzigern noch als etwas befremdliche Trainingsmethode einiger weniger Fitnessbegeisterter daherkam, praktizieren heute Millionen Menschen als einfachen, effektiven Breitensport und profitieren von den zahlreichen positiven Effekten auf Körper und Geist.

Balance

Wer sich grundsätzlich in einem gutem emotionalen Gleichgewicht befindet, tut sich leichter im Umgang mit Stress. Für achtsames Führen ist es hilfreich, sich regelmäßig für einen ruhigen Moment aus dem Alltag auszuklinken und durchzuatmen; kurze Meditationen helfen, ins Gleichgewicht zu kommen. Viele Unternehmen haben dafür inzwischen einen speziellen „Raum der Stille“ eingerichtet, in dem man, etwa in der Mittagspause, zur Ruhe kommen kann. Aber auch ein kurzer Spaziergang im Grünen lässt sich als aktivere Meditationsform etablieren.

Geduld und Gelassenheit

Diese beiden Qualitäten der Achtsamkeit helfen dabei, sich einem Ziel in Ruhe zu nähern, die Dinge nicht übermäßig voranzutreiben oder gar zu erzwingen, sondern neuen Ideen, Mitarbeitern und Prozessen Raum zu geben für Wachstum und Entwicklung. Wer lernt, dabei auch Umwege und sogar Scheitern zu akzeptieren, kann am Ende nicht selten erstaunliche Erfolge ernten und stärkt seinem Team mit Offenheit und Akzeptanz den Rücken.


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Stand des Artikels: 09.07.2021
Die Autorin

Hildegard Lillin

MEDISinn Online-Redaktion

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