Die gesunde Art zu führen im digitalen Zeitalter

Unternehmen sehen sich aktuell mit diversen Herausforderungen konfrontiert, wenn es darum geht, Stabilität in Digitalität zu finden. Eine entscheidende Rolle dabei obliegt der jeweiligen Führungskraft, vom Team- über den Projektleiter bis hin zum Geschäftsführer. Denn ein gesundes Unternehmen ist auf allen Ebenen gut strukturiert. Vor allem da, wo Teams hybrid oder Vollzeit-Remote arbeiten, müssen Strukturen sogar neu gedacht werden. Dabei helfen neue Perspektiven und innovative Methoden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Weiterhin andauernde Homeoffice-Regelungen bringen neben diversen Vorteilen auch eine zunehmende Erschöpfung unter Mitarbeitern:innen nach sich. Begriffe wie „Homeoffice-Blues“ und „Zoom-Fatigue“ gehören inzwischen zum Standard-Vokabular.
  • Als entscheidende Stellschraube obliegt es der jeweiligen Führungskraft, sein oder ihr Team stets neu zu motivieren und dabei auch gesund zu halten.
  • Neben neuen Kommunikationsstrategien unterstützen dabei auch diverse Maßnahmen aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM).
  • Wichtig dabei ist vor allem auch, dass die Führungskraft sich nicht selbst überlastet.
  • Kreative neue Methoden wie LEGO® Serious Play® oder das Soccer Field Model© setzen neue Perspektiven und helfen dabei, Rollen neu zu definieren sowie Prozesse umzustrukturieren und Krisen zu bewältigen – auch digital.
Vertrauen per Videochat aufbauen und Motivation schaffen zu Zeiten einer globalen Pandemie: Die Rolle der Führungskraft hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und steht vor diversen digitalen Herausforderungen. Bildquelle: istock/Daniel Tadevosyan

Cave-Syndrom, Shutdown-Vergesslichkeit, Zoom-Fatigue und Homeoffice-Blues: Begriffe, die vor der Pandemie wahrscheinlich nicht jedem bekannt waren, die aber jeweils Zustände beschreiben, die wir heute wohl nur allzu gut kennen. Denn dauerhafte Kontaktreduzierung, Eintönigkeit in den eigenen vier Wänden, Erschöpfung durch zu viele virtuelle Meetings und Vereinsamung im Homeoffice sind für uns zu alltäglichen Problemen geworden. Dabei wirken sie sich gleichermaßen negativ auf unsere Gesundheit wie auch auf unsere Leistungsfähigkeit aus. In Unternehmen obliegt es dabei vor allem den Führungskräften, nicht nur ihre Teams zu motivieren und gesund zu halten, sondern auch sich selbst. Helfen können klare Rollendefinierungen und Kommunikationsstrategien, diverse gesundheitsschaffende Maßnahmen sowie neue kreative Methoden.

Wie sich die Rolle der Führungskraft in den letzten Jahren verändert hat

Die Rolle der Führungskraft ist uns geschichtlich vor allem aus einem ganz anderen Bereich bekannt, nämlich dem Militär. Ihre Hauptverantwortung hier: Das Team richtungsweisend und strukturgebend zu leiten. Eine Studie des Harvard Business managers, die aufweist, was Führungskräfte vom US-Militär über Führung lernen können, ergab darüber hinaus, dass sie am meisten dafür geschätzt werden, dass sie in der Lage sind, Risiken für Mission und Mensch abzuwägen: „Mission first, people always“ laute hier die Devise. Wenn der Vergleich also auch sehr weit fernab vom Arbeitsleben in Büro und Produktionsstätten liegt: Die Vorstellungen bezüglich der Grundwerte und -ziele scheinen nicht allzu weit voneinander entfernt zu sein.

Denn aktuelle Meinungsumfragen ergeben, dass eine gute Führungskraft sich dadurch auszeichnet, dass sie oder er die Mitarbeiter:innen zu Spitzenleistungen motiviert, ohne sie dabei zu überlasten. Wertschätzende Kommunikation, ehrliches Feedback und Interesse an den einzelnen Menschen im Team, das sind die Attribute, die heute als Qualitätsmerkmal eines guten Leads in Unternehmen gelten. Das heißt auch, dass eine gute Verbindung zum Team auf professioneller Ebene grundlegend ist. Dabei lohnt es sich, im Voraus in Loyalität und Vertrauen zu investieren, um in schwierigeren Zeiten gemeinsam davon zu profitieren. Daraus entsteht auch der grundlegende Vorteil, dass Teammitglieder, die ihrem oder ihrer Vorgesetzten vertrauen, dazu neigen, den eigenen Aufgaben gewissenhafter nachzugehen und bei Schwierigkeiten offen auf die oder den jeweils Vorgesetzte:n zuzugehen. Denn im digitalen Zeitalter ist Vertrauen wichtiger denn je.

Führungskräfte sollten die zeitliche Nähe nutzen, um in das Vertrauen ihrer Mitarbeiter:innen zu investieren. Dies ist auch digital möglich – mit den richtigen Kommunikationsstrategien und Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Bildquelle: istock/VioletaStoimenova

Die Herausforderungen des neuen „digital leaderships“

„Am Anfang stand die Frage ‚wie kriege ich das Projekt technisch und prozessual umgesetzt‘. Heute lautet sie ‚wie schaffe ich es, noch eine Beziehung herzustellen, die ich zuvor leichter an der Kaffeemaschine aufbauen konnte? Wie kann ich diese Verbindung online schaffen?‘“, so beschreibt Jana Fiaccola, Coach für Teams und Führungskräfte, den Wandel der Herausforderungen über die letzten Jahre hinweg. Denn Vertrauen rein digital aufrechtzuerhalten oder gar aufzubauen ist eine neue und große Herausforderung. Dabei sind offene Kommunikationswege in alle Richtungen mindestens genauso wichtig, wie eine wertschätzende und transparente Kommunikation. Dass sie auch digital möglich ist, erklärt Führungskräfte-Coach Coco Decrouppe: „Gesunde Kommunikation kann erlernt werden. Es ist dabei gar nicht wichtig, nebeneinanderzusitzen. Vertrauen aufbauen heißt, Fragen zu stellen, Sicherheit zu schenken und tiefgehend zuzuhören.“ Sie betont weiter, dass der Verlust der physischen Nähe aber auch einen Vorteil mit sich bringt: die vermehrte zeitliche Nähe.

Teamleads des digitalen Zeitalters sollten diese nutzen, um stets von neuem zu beurteilen, ob ihr oder sein Team Unterstützung oder Tools benötigt, um besser arbeiten zu können. Und dazu gehört auch, stets ein wachsames Ohr zu haben, um zu evaluieren, ob Teammitglieder gegebenenfalls überlastet oder erschöpft sind. Denn spätestens jetzt sollte die psychische Gesundheit der Mitarbeiter:innen zur Priorität werden.

Vorteile gesundheitsschaffender Maßnahmen und des digitalen betrieblichen Gesundheitsmanagements

Als entscheidende Stellschraube ist die Führungskraft auch für die Gesundheit ihrer oder seiner Teammitglieder verantwortlich. Dabei stehen diverse Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) zur Verfügung, die auch digital verfügbar und einsetzbar sind. Besonders wichtig ist dabei vor allem, nicht erst zu reagieren, wenn erste Krankheitserscheinungen im Team auftreten. Präventive und gesundheitsschaffende Maßnahmen können Gesundheitsrisiken nachhaltig verhindern. Und damit auch wirtschaftliche Kosten, die durch Krankheiten entstehen können. Allein die Krankheitskosten für psychische Erkrankungen liegen bei insgesamt rund 44.4 Milliarden Euro pro Jahr (Stand 2017). Darüber hinaus fallen Mitarbeiter:innen aufgrund dessen durchschnittlich 38.9 Tage in Unternehmen aus – dreimal so lange wie bei anderen Erkrankungen. Präventive BGM-Maßnahmen können diesen wirtschaftlichen Faktoren entgegenwirken und die Gesundheit der Mitarbeiter:innen effektiv stärken.

Gute Führungskräfte bedingen einen wertschätzenden Umgang - auch mit den eigenen Ressourcen

Nicht zu vergessen ist dabei aber zudem, dass die Führungskraft auch auf ihre oder seine eigene Gesundheit achten muss. Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung (RMI) an der Universität Witten/Herdecke ist genau das nicht selbstverständlich. Hierbei gaben 30% der befragten Führungskräfte an, unter einer hohen Führungsbelastung zu leiden. Jede fünfte Führungskraft (21,4 Prozent) glaubt dabei, den eigenen Ansprüchen an eine Führungskraft nicht gerecht zu werden (Stand 2020).

Neben der eigenen Gesundheit kann darunter auch die gesamte Teamleistung leiden: Denn eine überlastete Führungskraft kann zu Unproduktivität und Unzufriedenheit unter allen Mitarbeitern:innen führen. Die Stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung Liz Mohn sagt dazu: „Führungskräfte selbst brauchen motivierende und unterstützende Bedingungen, um wirksam zu führen und eine kreative und innovative Arbeitsatmosphäre für ihre Teams zu schaffen sowie Veränderungen umzusetzen.“

Laut einer Studie aus dem Jahr 2020 zweifelt rund ein Viertel der befragten Führungskräfte an der eigenen Führungskräftequalität. Gleichzeitig fühlen sie sich dabei auch von der Verantwortung, die ihnen in der Rolle übertragen ist, überlastet. Bild- und Informationsquelle: Bertelsmann Stiftung.

Kreative Methoden fürs Teammanagement

Damit Teamlead wie auch Mitarbeiter:innen gesund zusammenarbeiten können, gibt es inzwischen viele innovative und wirksame Methoden, die auch digital funktionieren. Die Coaches Jana Fiaccola und Coco Decrouppe haben jeweils Methoden gefunden, mit denen sie Teams dabei unterstützen, wieder zueinander zu finden und die neuen Vorteile der digitalen Zusammenarbeit für sich zu nutzen.

1) LEGO® Serious Play® - strategic play für Teams, Prozesse und Kommunikation

Die LEGO® Serious Play® Methode wurde von LEGO® in Zusammenarbeit mit dem International Institute for Management Development in Lausanne (IMD) entwickelt. Die Idee entsprang im Jahr 1995 als der damalige LEGO®-Geschäftsführer die unkreative Zusammenarbeit im eigenen Team bemerkte. Bis 2010 entwickelte sich daraus eine strategische Spielform („strategic play“), die Unternehmen heute auf vielfache Weise anwenden können: von der Schaffung effektiver Projektteams, über den Start von Veränderungsprozessen und die Entwicklung neuer Strategien bis hin zu Risiko- und Krisenmanagement. Das Besondere daran: „Ganz nebenbei schulen die Teilnehmer:innen auch ihre eigenen Kommunikationsskills. Wie zum Beispiel, die Gedanken zu sortieren und auszudrücken. Aber auch aktives Zuhören wird gefördert, wenn andere ihre Modelle und Gedanken dahinter präsentieren“, so Jana Fiaccola.

Als Gründerin von viteamin b sowie leidenschaftlicher Team- und Führungskräfte-Coach wendet sie diese Methode seit vielen Jahren erfolgreich an. Die Methode ist dabei frei anwendbar auf verschiedene Situationen. Die Aufgabe könnte zum Beispiel sein: Stellen Sie Ihren oder Ihre ideale:n Mitarbeiter:in dar. Dafür erhält jede:r zu Beginn dasselbe Set LEGO®-Bausteine. Was zunächst unmöglich erscheint, wird schnell zum Spaß. Denn durch die Methode werden andere Neuronen im Gehirn aktiviert und statt einer kopflastigen Diskussion startet ein kreativer Gestaltungsprozess. Auch in Konfliktsituationen ist die Methode wirksam: „Durch die kreative Darstellung, fällt es jedem Teilnehmer automatisch leichter ihre oder seine Gedanken zu reflektieren. Die Modell-Darstellung hilft dabei, sich von den eigenen aufgeheizten Emotionen ausreichend zu distanzieren und auch, neue Formen zu finden, diese auszudrücken. Man baut Metaphern“, führt die Expertin aus. In vielen Unternehmen stößt Die LEGO® Serious Play®- Methode bereits auf großes Interesse. Da sie auch digital durchführbar ist, ist sie flexibel und bleibt dennoch effektiv. Jana Fiaccola konnte damit auch zu Zeiten des Lockdowns Teams aus dem Homeoffice zu Erfolgen, Zusammenhalt und wertvollen Insights verhelfen.

2) Soccer Field Model© – durch gesunde Selbstführung zur motivierten Teamleitung

Ein erfolgreiches Modell für Führungskräfte bildet das sogenannte Soccer Field Model© von Coco Decrouppe. Die Idee zu dieser ganzheitlichen Methode kam ihr im Zuge ihrer Zusammenarbeit mit Führungskräften im internationalen Raum. Dabei kamen immer wieder ähnliche Fragen auf: Wie setze ich Grenzen? Wie kommuniziere ich mit meinen Mitarbeitern:innen? Wie bleibe ich innerlich ruhig, eigenständig, vollständig, emotional unabhängig und dabei immer noch bei vollen Kräften? Bis heute macht sie dabei die Erfahrung, dass die Analogie des Fußballfeldes die eigene Rolle am besten verdeutlicht und auf diesem Weg Raum für ein neues Verständnis schafft.

„Jede gute Teamführung startet mit guter Selbstführung“, so Decrouppe. Daher setzt die Methode genau hier an und hilft Führungskräften dabei, die eigene Rolle klar zu definieren und Grenzen neu zu setzen. Auf das Bild des Fußballfeldes übertragen heißt das: Eine Hälfte entspricht der Rolle und Verantwortung der Führungskraft, die andere die der Mitarbeiter:innen; beide Hälften sind durch die Mittellinie klar abgegrenzt. Ziel ist es, dass jede:r in der eigenen Hälfte bleibt und somit das gesamte Potential beider Rollen genutzt werden kann. So kann zum Beispiel Micromanagement vermieden werden, da die Führungskraft nicht aus der eigenen Hälfte heraustreten darf. Andersherum dürfen auch die Mitarbeiter:innen nicht in die Hälfte der Führungskraft über eintreten, wodurch die eigenen, persönlichen Ressourcen geschützt werden. So bleibt die Führungskraft stets bei den eigenen vollen 100%, ohne zusätzliche Energie abzugeben oder sich in Angelegenheiten zu verlieren, die nicht zum eigenen Aufgabenfeld gehören. Auf diesem Weg behält sie oder er auch stets den Respekt, die Stabilität und auch Neutralität, die es in dieser Position braucht.

Was diese Methode laut Decrouppe vor allem bei Führungskräften bewirkt sind eine gesunde Führungs- und Kommunikationskultur, sowie Entschleunigung und Freude an der Rolle als Führungskraft. Darüber hinaus führt sie bei den einzelnen Führungskräften auch zu einer Art Empowering-Gefühl (deutsch: ermächtigendes Gefühl). Denn im Bereich der Selbstführung lernt man anhand der Soccer Field Methode© wieder verstehen, was man selbst in der Hand hat. „Die eigene Kraft wieder bei sich spüren, löst Glücksgefühle aus und erweckt neue innere Ressourcen“, erklärt Decrouppe, die dies schon oft miterleben durfte. Dieses Gefühl ist für die Führung von Teams von großer Bedeutung: Denn Team- und Gesprächsführung können nicht effektiv stattfinden, wenn die Führungskraft selbst belastet ist. „Daher ist die gesunde Selbstführung auch der Ausgangspunkt jeder Teamführung“, führt sie weiter aus.

Fazit

Ein gesundes Team erfordert eine gesunde Führung – und damit auch eine gesunde Führungskraft. Diverse neue Methoden bieten dabei Unterstützung, die auch zu Zeiten digitaler und neuer Arbeitsformen wirksam sind. Unternehmen, die die Betriebsgesundheit präventiv fördern, können so Erschöpfungszuständen wie auch ernsten gesundheitlichen Risiken nachhaltig entgegenwirken.


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Stand des Artikels: 26.01.2022
Die Autorin

Alina Nagel

MEDISinn-Redaktion

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