Die Corona-Pandemie lässt uns keine Alternative zum Impfen!

Impfarzt und Professor Dr. Karl-Heinz Herbinger gibt im Interview eine Einschätzung zum betrieblichen Impfen, zur Herdenimmunität in Deutschland und den Folgen der neuen Virusvarianten für die COVID-19-Pandemie.

Prof. Dr. Karl-Heinz Herbinger ist Impfarzt, Facharzt für Arbeitsmedizin und Professor für „Tropenmedizin und Reisemedizin“ an der LMU München.

Zur Person:

Prof. Dr. Karl-Heinz Herbinger ist seit 2017 Mitarbeiter am Leberzentrum und Professor für „Tropenmedizin und Reisemedizin“ an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. In der Vergangenheit führte er bereits 14 Impfstudien (an der LMU München und am Institut Pasteur in Paris) durch und ist seit 22 Jahren als Impfarzt tätig. Prof. Dr. Herbinger ist Facharzt für Arbeitsmedizin, Tropenmedizin.


1. Impfdosen sind derzeit ja auch immer noch sehr knapp – gerade auch für Betriebsärzte/-innen. Welche Bedeutung wird das Impfen in Betrieben für die Nationale Impfkampagne haben?

Ich arbeite am Leberzentrum mit Patienten mit chronischen Lebererkrankungen. Bis zum 7. Juni war es Betriebsärzten/-innen und Arbeitsmedizinern/-innen noch nicht erlaubt, in Unternehmen zu impfen. Diese neue Situation musste sich erst einmal einspielen und der Impfstoff ist leider weiterhin sehr knapp. Trotzdem halte ich betriebliche Impfungen in den kommenden Monaten für sehr wichtig: Je mehr Erwerbstätige nun die Möglichkeit erhalten, sich über die Firmen impfen zu lassen, desto besser kommt die Impfkampagne nun auch in der Breite der arbeitstätigen Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren an. Trotzdem sollten aus ethischen Gründen auch in Firmen chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen zuallererst ein Impf-Angebot erhalten, soweit das möglich ist – einfach weil diese Menschen höhere Risikofaktoren haben.

2. Wie hoch schätzen Sie die Impfbereitschaft in Unternehmen ein?

Das lässt sich allgemein kaum sagen und ist sicherlich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich. Die Bereitschaft hängt von der internen Politik im Unternehmen genauso ab wie von der Meinung jedes/-r einzelnen Mitarbeiters/-in. Natürlich gibt es auch in vielen Firmen Erwerbstätige, die eine impfkritische Einstellung haben. Dagegen ist prinzipiell gar nichts einzuwenden. Dann gibt es aber auch noch Mitarbeiter/-innen, die proaktiv gegen Impfkampagnen vorgehen. Insgesamt gehen bei den gesunden Erwerbstätigen die Meinungen zur COVID-19-Impfung weiter auseinander als bei den chronisch Kranken und Älteren. Letztere sind sich eher ihren Risikofaktoren bewusst und daher in der Regel auch eher bereit, sich impfen zu lassen.

3. Ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, im Vergleich zu früher allgemein gesunken?

In der Medizin waren Impfungen auch vor der Corona-Pandemie schon ein großes Thema, das durch COVID-19 jetzt wieder sehr stark in den Fokus auch der breiten Bevölkerung gerückt ist. Dadurch sieht sich auch der Laie nun fast täglich mit der Frage konfrontiert, ob er sich impfen lassen soll oder nicht. Ich sehe es sehr positiv, dass das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Thema Impfen geschärft worden ist, auch wenn viel Kritisches berichtet wird. Das ist übrigens auch gut so. Schließlich sollte sich jeder seine eigene Meinung bilden. Ich bin seit 22 Jahren als Impfarzt tätig und habe selbst 14 Impfstudien durchgeführt. In solchen Studien werden in den Phasen 2, 3 (wenn das Vakzin noch nicht zugelassen ist) und 4 (bei bereits zugelassenen Impfstoffen) die Effektivität einerseits und die Risiken andererseits geprüft. Angesichts der Corona-Pandemie muss es im Vergleich zu früher schneller gehen, um möglichst schnell impfen zu können und so COVID-19 einzudämmen. Die Datenlage ist da im Vergleich schon spärlicher – vor allem natürlich, was Beobachtungsstudien von Geimpften im Vergleich zu ungeimpften Bevölkerungsteilen betrifft. Schließlich kennen wir das Virus erst seit 7. Januar 2020, also seit knapp eineinhalb Jahren. Daher ist auch unsere Datenlage zu den Geimpften nicht einmal ein Dreivierteljahr alt, denn der erste Impfstoff – abgesehen von zwei russischen Impfstoffen namens „Sputnik V“ und „EpiVacCorona“ – wurde erst im Dezember 2020 zugelassen.

4. Wie gut ist denn dann die Datenlage zu den derzeit zugelassenen COVID-19-Impfstoffen?

Ich habe schon viele Impfstoffe bis zur Zulassung begleitet, von Phase 1 bis 4 vergehen in der Regel 5 bis 7 Jahre. Alles, was wir heute machen, ist bis zu zehnmal schneller, das heißt die Beobachtungsdauer ist mit 4 bis 6 Wochen statt einem Jahr sehr kurz. Genau deshalb wissen wir derzeit auch nicht, wie hoch der Impfschutz ein halbes Jahr nach der Impfung noch ist. Da aber das öffentliche Interesse an COVID-19-Impfstoffen sehr groß ist, ist auch die Zahl der Probanden teils sehr groß, da sie sich leichter rekrutieren lassen. Die sogenannte Sample Size, also die Gesamtheit der Studienteilnehmer, ist bei den Corona-Impfstoffen also sehr viel größer als früher – gerade am Beispiel Israel lässt sich das sehr gut sehen, da ist fast das ganze Land mit rund 9 Mio. Einwohnern zu einer Studie gemacht worden. Es ist zwar immer gut, eine große Sample Size zu haben, aber die zusätzlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse bei Studien mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern/-innen halten sich im Vergleich zu Sample Sizes mit zehntausend Probanden in Grenzen. Die Masse der Probanden löst nicht das Problem, dass wir noch kaum etwas über die Antikörper bei Geimpften wissen – etwa, wie schnell sie nach Wochen und Monaten zurückgehen und warum etwa 10 Prozent der geimpften gar keine Antikörper bilden.

5. Apropos Immunität: Was sind die Erkenntnisse der Wissenschaft dazu?

Bei der Immunität gilt es zwei zentrale Seiten zu beachten: Zum einen die sogenannte humorale Immunität, also ob das Immunsystem Antikörper bildet und wie lange diese aktiv bleiben. Die zweite Seite ist die zelluläre Immunität, also die sogenannten T-Lymphozyten. Diese sind noch wichtiger für die Immunität, da sie letztlich den Ausbruch einer COVID-19-Erkrankung verhindern. Allerdings sind die T-Lymphozyten schwieriger zu messen. Die laborchemischen Verfahren, die diese beiden Teile der Immunantwort miteinbeziehen, sind viel aufwendiger als nur die Antikörper zu messen. Um genau abschätzen zu können, wie lange und wie gut die Immunität anhält, müssen jedoch beide Faktoren der Immunantwort über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Wir wissen darüber derzeit so wenig, weil es wie schon erwähnt keine Langzeitstudien gibt, ja, noch gar nicht geben kann. Daher lässt sich derzeit noch nicht sagen, ob und wie viele der Geimpften nach einem halben Jahr noch Antikörper haben. Eine weitere unbeantwortete Frage ist, ob jene Menschen, die einen hohen Antikörperwert, also hohe Titer, haben, letztlich auch wirklich besser vor COVID-19 geschützt sind als andere mit weniger oder keinen Antikörpern. Wie wirksam die Impfstoffe über längere Zeiträume sind und ob sowie welche Langzeitschäden sie verursachen können, lässt sich derzeit nicht sagen.

Exkurs: Die Wirksamkeit von Impfstoffen verstehen

Der Begriff der Wirksamkeit wird im Deutschen selbst in der wissenschaftlichen Diskussion oft nicht genau genug definiert und differenziert. Die Wirksamkeit bestimmt darüber, wie gut die Immunantwort ist, die ein Impfstoff hervorruft. Zum einen werden nach einer Impfung Antikörpern gebildet – das ist die sogenannte humorale Immunabwehr. Der zweite Faktor wird oft zu wenig beachtet, spielt aber für die Immunität eine genauso große, wenn nicht sogar noch entscheidendere Rolle: Die zelluläre Immunantwort über die sogenannten T-Lymphozyten. Wenn beides ineinandergreift, sind Wirksamkeit und damit Schutz der Impfung am höchsten.

In Impfstudien beschreibt die sogenannte Effectiveness die prozentuale Verringerung der Erkrankungsrate bei Geimpften im Vergleich zur Erkrankungsrate bei Nicht-Geimpften.

6. Wie sicher sind denn dann die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe überhaupt? Wie schätzen Sie das Risiko für schwere Nebenwirkungen ein?

Alle Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind, sind von der EMA (European Medicines Agency, Europäische Arzneimittelagentur) geprüft. Das heißt, erste Studien belegen deren Wirksamkeit im Sinne guter Antikörper-Antworten und zeigen, dass sie keine hohe Rate an schweren Nebenwirkungen haben. Allerdings können wir noch nicht abschätzen, ob es Langzeitschäden geben kann. Eventuell kann zum Beispiel das Risiko für Autoimmunerkrankungen steigen. Doch das ist nur ein spekulatives Beispiel und wir können über mögliche Langzeitrisiken noch nichts mit Sicherheit sagen. Generell muss man einräumen, dass alle Impfstoffe zugelassen werden, bei denen der Vorteil den Nachteil überwiegt, selbst wenn sie in sehr seltenen Fällen tödlich sind, wie das Beispiel AstraZeneca zeigt. Auch lässt sich in vielen Fällen kein direkter Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Todesfällen, die danach auftreten, nachweisen. Das heißt, es lassen sich nur sehr selten Impfstoffe mit Sicherheit als Todesursache identifizieren. Und jetzt kommt ein großes Aber: Solche Risiken betreffen letztlich genauso jedes zugelassene Arzneimittel. Auch bei Aspirin und Paracetamol gibt es Todesfälle und einen langen Beipackzettel, obwohl diese Medikamente relativ sorglos verwendet werden. Wenn man hundertprozentige Sicherheit möchte, kann man kein einziges Arzneimittel einnehmen. Auch Impfstoffe können keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Messenger-RNA-Impfstoffe sind sehr neu, obwohl die mRNA-Technologie in der Krebsforschung seit den 1990er-Jahren angewandt wird. Vektorimpfstoffe sind etwas bekannter und es gab bereits vor Corona erste Zulassungen, zum Beispiel eines Ebola-Impfstoffs. Die dritte Gruppe sind die klassischen Tot- oder Lebendimpfstoffe, bei denen nur das Antigen/Protein eines Virus oder eines Bakteriums selbst verimpft wird. Hier können wir auf viele bereits vorhandene Daten zurückgreifen, da es diese Impfstoffe schon sehr lange gibt. Ich erwarte dennoch keine häufig auftretenden Langzeitnebenwirkungen, aber man kann es auch nicht ausschließen, weil jedes Immunsystem anders reagiert. Ich selbst hatte zum Beispiel am Tag nach meiner Impfung Kopfschmerzen. Zentral ist folgende Abwägung: Die Wahrscheinlichkeit für schwerste Nebenwirkungen nach der Impfung sind auch auf lange Sicht sehr gering und gar nicht zu vergleichen mit dem Risiko einer schweren COVID-19-Erkrankung oder gar mit Long-COVID.

7. Wie gefährlich sind die neuen Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta-Varianten?

Leider mutiert SARS-CoV-2 mehr als ursprünglich gedacht, wenn auch weniger als Influenza. Das ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor für unsere Immunität. Wenn der Feind, sprich das Virus, sein Gesicht oft ändert, kann das Immunsystem eines Geimpften ihn weniger gut erkennen und eliminieren. Daher müssen wir sehr wahrscheinlich zukünftig gegen verschiedenen Virus-Varianten, die durch Mutationen entstehen, impfen. Man kann erwarten, dass es – gegebenenfalls ab etwa 2022 – sogenannte polyvalente Impfstoffe gibt. Polyvalente Impfstoffe richten sich gegen mehrere Varianten. Ich gehe davon aus, dass die Corona-Impfung uns auch die nächsten Jahre weiter begleiten und zu einer Standardimpfung wird, die wir ein- bis dreimal im Jahr auffrischen.

8. Können wir das Ziel der Herdenimmunität noch erreichen, wenn wir nun auch dank der betrieblichen Impfkampagne schneller in der Breite impfen?

Letztendlich haben wir keine Alternative dazu, so viele Menschen so rasch als möglich zu impfen. Früher oder später werden wir wahrscheinlich die sogenannte Herdenimmunität erreichen. Allerdings basieren die derzeitigen Impfstoffe noch auf der ursprünglichen Virusvariante und sind damit bereits angesichts der neuen Alpha- bis Gamma-Varianten etwas veraltet. Im Sommer sind wir vor einer vierten Corona-Welle gefeit, da UV-Licht die Viren in ihrer Vermehrung stark hindert und sie sich durch das Sonnenlicht im Freien kaum verbreiten. Die Frage ist, ob wir im Herbst so weit durchgeimpft sind, dass 70 Prozent der Menschen oder mehr durch Impfungen vollständig vor dem Virus geschützt sind. Die nächste Frage ist, ob dieser Impfschutz auch gegen die neuen Varianten ausreicht oder ob es dann im Herbst zu einer vierten Welle kommt. Gerade in Betrieben erreichen wir mit den Impfungen viel mehr und leichter Erwachsene unter 66 Jahren und daher unterstütze ich die betriebliche Impfkampagne ausdrücklich!

9. Ihre Einschätzung: Wann wird die Pandemie soweit eingedämmt sein, dass wir zu einer Normalität wie vor COVID-19 zurückkehren können?

Vor SARS-CoV-2 gab es SARS-CoV-1. Dieses Virus hat Christian Drosten damals mit entdeckt. Es kam 2002 schnell auf und war 2004 bereits wieder Geschichte. Oft schlummern solche Viren in Wildtier-Reservoirs und springen durch zufälligen Kontakt von diesen ursprünglichen Wirten auf den Menschen über. SARS-CoV-1 war schwerer von Mensch zu Mensch übertragbar, weil es sich tief in der Lunge und nicht in den oberen Atemwegen festsetzte und Infizierte schnell sehr schwer erkrankten, sodass viele starben, ohne das Virus weiter zu übertragen. Allerdings gab es weltweit weniger als 1.000 Tote insgesamt, das heißt, die Mortalität war im Vergleich zur jetzigen Corona-Pandemie viel geringer. Zum Vergleich: Derzeit sterben weltweit noch immer etwa 10.000 Menschen am Tag an COVID-19. Das liegt daran, dass SARS-CoV-2 durch Aerosole viel leichter von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Viele Menschen bekommen es, ohne Symptome zu entwickeln und verbreiten es dann als sogenannten ‚Superspreader‘ stark weiter. Auch sind Infizierte bereits Tage bevor sie Symptome bekommen sehr ansteckend – ganz im Gegensatz zu Sars-CoV-1, das vor Symptombeginn noch nicht ansteckend war. Wegen dieser Gemengelage werden wir COVID-19 wahrscheinlich nicht mehr völlig loswerden. Viele Länder, die es sich leisten können, impfen ihre Bevölkerung zwar zu großen Teilen, aber es wird auch hier immer Ungeimpfte geben. In vielen ärmeren Ländern wie in Afrika ist die Impfquote alarmierend gering, sodass hier das Virus weiter ungehindert von Mensch zu Mensch springen kann und die Inzidenz dann hoch bleibt. Dort gibt es dann auch eine hohe Rate an Mutationen. Durch diese Brutherde bleibt die globale Gefahr groß, dass immer neue regionale Virusvarianten entstehen, die sich dann über den globalen Tourismus wieder weltweit verbreiten. Die Frage ist dann, ob unsere Herdenimmunität uns gegen neue Varianten noch schützt oder wir schon im Winter erneut mit angepassten Vakzinen nachimpfen müssen. Unsere Devise bis dahin muss bleiben: Impfen, impfen und nochmals impfen.


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Stand des Artikels: 05.07.2021
Die Autorin

Hildegard Lillin

MEDISinn Online-Redaktion
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