Wir müssen über psychische Gesundheit sprechen – auch am Arbeitsplatz

Viel zu oft fragen wir einander, wie es uns geht ohne, dass wir ehrlich darauf antworten. Denn das Thema der psychischen Gesundheit scheint bis heute ein Tabuthema zu sein, vor allem am Arbeitsplatz. Schockierend, vor allem, wenn man bedenkt, dass man hier die meiste Zeit verbringt und sich viele berufliche Faktoren auch auf die eigene Psyche auswirken können. Warum es so wichtig ist, über mentales Wohlbefinden zu sprechen und zu wissen, wie.

Lassen Sie uns über psychische Gesundheit sprechen. Ein wichtiges Thema vor allem zur Pandemie-Zeit. Denn der in vielerlei Hinsicht erfolgte Rückzug ins Private durch Homeoffice und Kontaktbeschränkungen hat dieses Thema scheinbar zusätzlich versperrt.

Wie oft werden Sie am Tag gefragt: Wie geht es Ihnen? Die Frage nach unserem Wohlbefinden ist wohl die häufigste der Welt – und gleichzeitig die meist unterschätzte. Sie ist zur Floskel geworden, zum Vorwort einer E-Mail, auf das folgt, dass man das Meeting in einer Stunde leider absagen muss. Wir möchten heute aber fragen: Wie geht es Ihnen wirklich? Denn psychische Gesundheit ist uns wichtig. Und genauso wichtig ist es uns, offen darüber zu sprechen.

Das Missverständnis um den Begriff der psychischen Gesundheit

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn von psychischer Gesundheit gesprochen wird, automatisch auf ihr Gegenteil, die „mental illness“ (zu Deutsch: „psychische Krankheit“), geschlossen wird? Vielleicht weil man sie auch sehr schnell mit Psychotherapie verbindet, die bis heute noch oft stigmatisiert ist. Wobei sie doch in vielen Fällen nichts anderes ist, als eine Zeit, in der man sich mit sich selbst beschäftigt. Eine Art psychisches Workout. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Sie den Kolleg:innen an der Kaffeemaschine erzählen würden, wie gut Ihnen die letzte Sitzung getan hat, während Sie auf Ihren Espresso warten? Und dennoch: Betrachtet man die Angebote im Zeitschriften- und Buchhandel oder den sozialen Medien, liegen Praktiken wie Achtsamkeitsübungen, Digital Detox und Meditation weiterhin hoch im Kurs. Wir stellen also fest: Wir kümmern uns sehr wohl um unser mentales Wohlbefinden, aber wir tun es vorwiegend allein und oftmals sogar im Verborgenen. Wie kommt es, dass wir uns dafür zurückziehen, beinahe zu schämen scheinen?

„Als integraler Bestandteil des Privaten ist die Psyche nach wie vor ein Tabuthema, sei es am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum oder sogar im eigenen sozialen Umfeld“, erklärt Saskia Reuter, Expertin für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz bei MEDISinn. Damit gehe laut ihr auch die Einstellung einher, dass man Themen, die die mentale Gesundheit betreffen, im Unternehmen nicht oder nur unzureichend anspreche. „Häufig liegt dies an fehlendem (Fach-)Wissen oder einer vorurteilsvollen Einstellung den Betroffenen oder dem Thema selbst gegenüber. Emotionale und seelische Beschwerden werden folglich Betroffenen nicht selten als Schwäche ausgelegt, woraus fehlende Unterstützung resultiert. Dadurch können Gefühle der Ausgrenzung und Scheu entstehen, was sich wiederum negativ auf Maßnahmen zur Prävention und Genesung auswirkt“, so Reuter weiter. Sie selbst, wie auch einige weitere Mitarbeiter:innen von MEDISinn waren in der Vergangenheit auch persönlich davon betroffen und sind aufgrund eines ungesunden Arbeitsumfeldes erkrankt. Was helfen kann? Die richtige Kommunikation. Lassen Sie uns also darüber sprechen.

Was psychische Gesundheit grundsätzlich bedeutet

„Die psychische Gesundheit sollte als eine wertvolle Quelle von Humankapital oder Wohlbefinden in der Gesellschaft betrachtet werden. Wir alle brauchen gute psychische Gesundheit, um zu gedeihen, um uns selbst zu kümmern und mit anderen zu interagieren, weshalb es wichtig ist, nicht nur die Bedürfnisse von Menschen mit definierten psychischen Störungen zu berücksichtigen, sondern auch die psychische Gesundheit aller Menschen zu schützen und zu fördern und den ihr innewohnenden Wert zu erkennen.“

So deutlich bringt beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Begriff und seine Bedeutung auf den Punkt. Speziell auf die Gesundheit am Arbeitsplatz bezogen ergänzt unsere Expertin Saskia Reuter: „Der Begriff der psychischen Belastung ist zunächst wertneutral zu verstehen, da er die Gesamtheit aller äußeren Faktoren vereint, die psychisch auf Arbeitende einwirken“. Dazu gehören sowohl die Arbeitsinhalte, die Arbeitsorganisation, zu der speziell seit der Pandemie beispielsweise auch neue Arbeitsformen zählen, die sozialen Verhältnisse im Unternehmen sowie ganz natürlich auch Faktoren aus dem Privatbereich.

Über mentale Gesundheit muss man auch im Beruf sprechen können

Diese Definitionen helfen zwar dabei, den Begriff zu verstehen, aber sicherlich noch nicht dabei, darüber zu sprechen. Vor allem nicht mit dem oder der Vorgesetzten. Schließlich ist es nach wie vor ein sehr privates Thema. Nicht selten spielen Gefühle wie Scham und Angst hier eine enorme Rolle. Was wird er oder sie von mir denken, wenn ich zugebe, dass es mir gerade zu viel ist? Gedanken wie diesen auszuschalten und das Thema offen anzusprechen, erfordert sehr viel Kraft und Mut. Laut einer aktuellen Umfrage haben rund 82 Prozent der Menschen, bei denen eine psychische Erkrankung bereits diagnostiziert wurde, noch nicht mit ihrem Chef darüber gesprochen. Eine erschreckende Zahl. Insbesondere wenn man bedenkt, dass folgenschwere gesundheitliche Probleme daraus entstehen können. Neben Erschöpfungszuständen und Depressionen gehören auch Tinnitus, Bluthochdruck, Magengeschwüre und sogar Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den Gefahren einer langanhaltenden psychischen Belastung. Folgen, die zwar nach außen hin oftmals nicht sichtbar sind, aber oftmals langfristig behandelt werden müssen. Viel besser wäre es aber, sie würden erst gar nicht entstehen. Und Prävention kann vor allem dort entstehen, wo ehrliche Kommunikation herrscht.

Wie Unternehmen und Vorgesetzte die Grundlagen dafür legen können, lesen Sie ausführlich in unserem Artikel zur Burnout-Prävention. Vertrauensbildende und wertschätzende Gespräche spielen dabei eine zentrale Rolle. Saskia Reuter rät zur Sensibilisierung innerhalb der Organisation: „Die Förderung und Aufrechterhaltung des gesundheitlichen Wohlbefindens der Beschäftigten sollte im Unternehmensleitbild fest verankert sein. Denn, ob belastete Mitarbeitende das direkte Gespräch zu Vorgesetzten oder Kolleg:innen suchen und offen mit der Thematik umgehen, ist eine Frage des Vertrauens und damit wesentlicher Bestandteil der Unternehmenskultur.“ Nur, wenn man das Gefühl hat, das Thema der eigenen psychischen Gesundheit offen ansprechen zu können, können auch gemeinsam Strategien gefunden werden, um Dauerzuständen oder gar der Entstehung von Krankheiten vorzubeugen. Das kann eine Umverteilung von Ressourcen sein oder zusätzliche fachliche Unterstützung. Oder einfach nur ein offenes Ohr und Verständnis.

Durchschnittwerte aus den letzten Jahren zeigen nicht nur, wie teuer Ausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen Unternehmen wie auch der Wirtschaft kommen. Sie machen uns auch bewusst, dass knapp ein Drittel der Deutschen offiziell betroffen ist. Und das kaum jemand davon wagt, das Thema offen mit dem oder der Vorgesetzten zu besprechen.

Was man selbst für die psychische Gesundheit tun kann

Auch jede oder jeder selbst kann etwas für sein mentales Wohlbefinden tun. Und wie die WHO deutlich sagt, geht es nicht darum, bereits vorhandene Probleme zu behandeln, sondern sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Gönnen Sie sich also gerne etwas mehr Aufmerksamkeit, etwas mehr „me-time“ (zu Deutsch „Zeit für mich selbst“). Kochen Sie einfach groß und lecker, auch wenn es nur für Sie allein ist, legen Sie morgens auch im Homeoffice Ihren Lieblingsduft auf oder raffen Sie sich trotz Kälte zum Joggen auf, weil Sie wissen, dass es Ihnen guttut. Darüber hinaus verrät uns Saskia Reuter ihre besten Tipps zur Selbstfürsorge:

  • Digital Detox:
    Die ständige Verfügbarkeit und Nutzung digitaler Medien kann nicht nur Stress auslösen, sondern sich langfristig auch negativ auf die mentale Gesundheit auswirken. Daher ist es ratsam, den Konsum digitaler Medien zu reduzieren, wie z.B. durch das Einstellen von Nutzungsbegrenzungen in Apps oder dem bewussten Einplanen medienfreier Zeiten.
  • Dankbarkeitstagebuch:
    Das bewusste Praktizieren von Dankbarkeit im Alltag hilft dabei, sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren und fördert so das mentale Wohlbefinden. Egal, ob große Gesten oder kleine Gegebenheiten, wie die wohltuende Tasse Kaffee am Morgen.
  • Persönlichkeitsentwicklung:
    Bücher lesen, Podcasts hören oder aber auch (professionelle) Therapiegespräche in Anspruch nehmen sind alles Methoden, mit denen Sie sich selbst näherkommen und eigene Gedanken- und Verhaltensmuster aufdecken können. Durch die Selbsterfahrung gewinnen Sie neue Perspektiven und stärken Ihre eigene Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit). Dies hilft dabei, Probleme und Krisen langfristig gestärkt und lösungsorientiert zu bewältigen.
  • Genusstraining:
    Positive Erlebnisse fungieren als Belastungsausgleich und fördern so die Entspannung und das persönliche Wohlbefinden. Eine einfache und effektive Alltagsübung ist zum Beispiel: Ein paar Kaffeebohnen in die Hosentasche geben und für jedes schöne Erlebnis am Tag eine Bohne in die andere Tasche stecken. Am Ende des Tages nimmt man diese Bohnen wieder heraus und kann sich dabei gleichzeitig wieder an die schönen Momente, die man gesammelt hat, zurückbesinnen.

Wie auch immer Sie entscheiden, sich um sich selbst zu kümmern, wir wünschen Ihnen ganz viele schöne und entspannte Momente. Und wir hoffen vor allem, Sie sprechen darüber!


Zu guter Letzt

In Bhutan ist Zufriedenheit keine reine Privatsache – es ist Staatsangelegenheit. Denn im 38.000qm großen Königreich herrscht das Prinzip des Bruttonationalglück (BNG), das seit 1998 auch offiziell in der Verfassung verankert wurde. Es geht zurück auf einen Gesetzestext aus dem 18 Jahrhundert. Demnach habe eine Regierung keine Legitimation, wenn sie nicht dafür sorgen könne, dass Ihre Bürger glücklich sind. Der maßgebende Index umfasst Bereiche des Wohlbefindens, die auf ein gutes Leben zurückschließen lassen.


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Stand des Artikels: 14.01.2022
Die Autorin

Alina Nagel

MEDISinn-Redaktion

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