Das Beste aus beiden Welten: Hybrid Work statt Dauer-Homeoffice

Keine vergeudete Zeit beim Pendeln, weniger Krankheitsausfälle – das sind nur zwei Vorteile des Arbeitens im Homeoffice. Dem gegenüber steht die soziale Isolation, die die betriebliche Kommunikation und damit die Produktivität hemmt. Den „kleinen Dienstweg“, den kurzen Klatsch an der Kaffeemaschine, bei dem schnell etwas abgesprochen wird, kann keine Video-Konferenz ersetzen. Neue Studien zeigen, dass Hybrid Work, als eine Mischung aus Homeoffice und Bürotagen die beste Lösung ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Beschäftigte schätzen die eigene Produktivität im Homeoffice höher ein als im Büro. Doch Studien zeigen, dass es durchaus auch zu Einbußen in der Produktivität kommt.
  • Vorteile sind vor allem Wegfall der Pendelzeit, flexiblere selbstgewählte Arbeitszeiten, die mehr Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen und die räumliche Flexibilität. Zudem lassen sich Arbeit und Familie oft besser vereinbaren.
  • Nachteile sind: soziale Isolation, häusliche Ablenkungen, zu wenig betriebliche Kommunikation und technische Probleme.
  • Als Ideal gilt das Konzept Hybrid Work: Regelmäßige Präsenzphasen im Unternehmen im Wechsel mit Tagen im Homeoffice.
Damit die Produktivität im Homeoffice nicht sinkt, ist eine gute technische Ausstattung ebenso wichtig wie wenig private Ablenkungen. Ideal ist, wenn es neben der Arbeit zu Hause auch Präsenztage im Büro gibt. Bildquelle: istock/eclipse_images

Ein typischer Tag im Homeoffice: Morgens duschen, in die bequemen Lounge-Klamotten schlüpfen, mit Kaffeetasse neben dem Laptop bis mittags durcharbeiten. Nach einer kurzen Pause dann bis zum späten Nachmittag weiterarbeiten - und dabei den zahlreichen Ablenkungen im privaten Umfeld widerstehen. Abstimmungen und Meetings finden ausschließlich als Video-Konferenzen und am Telefon statt. Was die einen durchaus als angenehm empfinden und konzentriert arbeiten lässt, wird wiederum von anderen als zunehmend schwierige Situation empfunden – fehlende persönliche Kommunikation mit den Kolleg:innen und häusliche Ablenkungen stören die Fokussierung auf den Job.

Nach rund zwei Jahren Pandemie und der für viele daraus resultierenden Arbeit im Homeoffice, liegen immer mehr Umfragen und Studien zu Vor-und Nachteilen sowie Effektivität und Produktivität der Arbeit von Zuhause vor. Diese Forschung hilft bei der Optimierung der Arbeitsprozesse und zeigt auf, wie wir in Zukunft am besten und effektivsten arbeiten werden.

Laut einer Befragung der Krankenkasse DAK schätzen 59 Prozent der Befragten ihre Arbeit im regelmäßigen Homeoffice produktiver ein als im Büro. Und 82 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die grundsätzlich geeigneten Arbeitsaufgaben genauso gut auch zuhause erledigen können.

Eine aktuelle Studie zeigt: Ein Großteil der Befragten kann die Aufgaben im Homeoffice genauso gut erledigen wie im Büro, über die Hälfte gibt gar an, beim Arbeiten von zu Hause produktiver zu sein. Gleichzeitig geben aber auch fast drei Viertel der Befragten an, dass ihnen der soziale Kontakt zu den Kolleg:innen im Homeoffice fehlt. Bild- und Informationsquelle: DAK-Gesundheitsreport 2020

Die Produktivität kann auch Zuhause hoch sein

Auch eine Stanford-Studie, die bereits vor der Pandemie über zwei Jahre lief, zeigt, dass Homeoffice und die damit verbundene Flexibilität produktiver machen. Zusammen mit einem chinesischen Unternehmen fanden die Stanford-Wissenschaftler heraus, dass Homeoffice - bei guter technischer Ausstattung - zu 13 Prozent mehr Produktivität führte. Die Hauptgründe: Durch den Wegfall des Pendelns kamen die Angestellten nicht zu spät zur Arbeit, konnten private Termine besser wahrnehmen, wodurch vorzeitige Feierabende weniger häufig vorkamen. Zudem wurde die Konzentration bei der Arbeit deutlich gesteigert. Die Angestellten gaben an, dass die Bequemlichkeit und Ruhe zuhause sowie die Möglichkeiten, sich Tee oder Kaffee zu kochen oder diskret zur Toilette zu gehen, der Arbeit zuträglich waren. Darüber hinaus benötigten die Beschäftigten kürzere Pausen und waren seltener krank. Viele Pluspunkte also.

Ebenfalls eine positive Zwischenbilanz zieht das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Das Team kommt nach einer Befragung Ende 2020 zu dem Schluss, dass sich Produktivität und Homeoffice nicht ausschließen. Befragt wurden gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung über 500 Unternehmen zu den Auswirkungen, Chancen und Erfahrungen virtueller Arbeitsformen in der Corona-Pandemie. Ergebnis: Über 70 Prozent der Unternehmen wollen auch in Zukunft mehr Homeoffice ermöglichen – ein deutlicher Anstieg zu den knapp 42 Prozent aus dem Frühjahr. Das könne auf die positiven Erfahrungen bezüglich der Produktivität zurückzuführen sein, schließt die Studie. Denn in dem Punkt habe es nur bei sehr wenigen Unternehmen Einbußen gegeben. Über die Hälfte gibt an, dass die Leistung der Beschäftigten gleichgeblieben sei und über 30 Prozent melden sogar eine höhere Produktivität.

Mitarbeitende wollen weiter im Homeoffice arbeiten

Ähnlich optimistisch zeigt sich die neueste Umfrage aus dem November 2021 innerhalb der Homeoffice-Studie des Konstanzer Organisationsforschers Prof. Dr. Florian Kunze. Sein Team befrage seit dem Frühjahr 2020 stets dieselben repräsentativ ausgewählten Personen, die im Homeoffice tätig sind. „Unsere jüngste Befragung im November 2021 zeigt nicht nur, dass der Wunsch nach Homeoffice stabil geblieben ist“, sagt Florian Kunze. „Gerade unter den Jüngeren würden viele sogar in Kauf nehmen, etwas weniger zu verdienen, wenn sie dafür regelmäßig von Zuhause aus arbeiten dürften. Dabei ist die Arbeitsplatzsituation in Deutschland von einer hybriden Arbeitskultur, in der Homeoffice, mobile Arbeitsformen und Präsenzarbeit Hand in Hand gehen, noch recht weit entfernt.“

Der durchschnittliche Wunsch der Arbeitnehmer:innen nach Homeoffice liegt seit Beginn der Pandemie vor rund 20 Monaten stabil bei knapp 3 Tagen in der Woche.
Den jüngeren Befragten (18-35 Jahre) ist Homeoffice so wichtig, dass rund ein Sechstel von ihnen sogar Gehaltseinbußen dafür in Kauf nehmen würde.
Nur 18 Prozent der Befragten erklärten, dass Homeoffice Produktivität und Arbeitsprozesse stört.

Rund drei Tage die Woche möchten Arbeiternehmer:innen aus dem Homeoffice arbeiten, das zeigen aktuelle Studien. Vor allem jüngeren Mitarbeitern:innen ist die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, wichtiger als der Lohn. Bild- und Informationsquelle: https://www.polver.uni-konstanz.de/kunze/konstanzer-homeoffice-studie/

Und nicht zuletzt die Studie „Work from home & productivity“ des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn vom Mai 2021 fand zahlreiche positive Effekte: Demnach habe das Homeoffice durchaus das Potenzial, Pendelzeiten zu reduzieren, flexiblere Arbeitszeiten zu ermöglichen, die Zufriedenheit mit dem Job zu erhöhen und die Work-Life-Balance zu erhöhen, wie frühere Studien gezeigt hätten. Das sind wichtige Faktoren für Wohlbefinden und damit auch Effektivität im Job.

Bestimmte Faktoren mindern die Produktivität

Also Happy-Zone Homeoffice? Nicht ganz. Neben den vielen ermutigenden Ergebnissen zeigt sich in Teilen auch ein differenzierteres Bild.

So betont beispielsweise die IZA-Studie: Besonders dort, wo hochqualifizierte Mitarbeiter tätig sind, und der Kommunikationsaufwand steigt, kommt es zu Produktivitätsverlusten. Im Gegensatz zu anderen Studien stützte sich die IZA nicht nur auf Selbsteinschätzungen der Beschäftigten, sondern auch auf Tracking-Daten, die die tatsächliche Arbeitszeit zeigen. Folgt man diesen, müssen die Beschäftigten bis zu 30 Prozent mehr Arbeitszeit aufwenden, um auf den bisherigen Output zu kommen. Der Grund: Die vielen virtuellen Meetings und eine deutlich höhere Anzahl von E-Mails, die geschrieben werden müssen, weil viele Dinge eben nicht mehr im direkten Gespräch geklärt werden können. Ein weiterer störender Faktor ist laut Studie die im Homeoffice oft fehlende Unterstützung in Form von 1:1-Supervision. Auffällig – wenn wohl auch kaum überraschend – ist laut IZA-Studie zudem, dass Beschäftigte mit Kindern im Haushalt mehr Zeit aufwenden müssen, um auf ihre Arbeitsergebnisse zu kommen. Ihr Produktivitätsverlust fiel um 60 Prozent höher aus als der der Beschäftigten ohne Kinder im Haushalt. Das alles sind indirekte negative Effekte auf die Produktivität im Homeoffice.

Auch eine Analyse der Deutschen Bank kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktivität im Homeoffice geringer ist. Als wichtigen Grund dafür sehen die Analysten die erschwerte Kommunikation. Speziell kreative Aufgaben verlangen oft eine besonders enge Kommunikation mit Kolleg:innen. Die sei im Homeoffice schwieriger umzusetzen, zumal auch technische Probleme den Austausch behindern. Laut der Studie verringern nach wie vor IT-Probleme die Produktivität daheim. So bremsen Internetausfälle oder einfach ein zu langsames Internet zuhause das Arbeiten.

Das Job-Modell der Zukunft

Wie es besser funktionieren kann, zeigt das Beispiel von Manuela Schmalbach und Dirk Richter (Namen geändert). Sie arbeiten für eine Hamburger Agentur und die expandierte in den Jahren vor Corona so schnell, dass die Büroplätze knapp wurden. Anstatt mehr Mitarbeitende in die Räume zu quetschen, entschied sich man sich für Hybrid Work: Alle, inklusive der Führungsriege, arbeiten drei Tage vor Ort und zwei Tage im Homeoffice. In der Folgewoche wechselt man auf drei Tage Homeoffice und zwei Tage Office. „Das System hat sich bewährt“, berichtet Schmalbach: „Es gibt weniger Ablenkung bei Aufgaben, die Konzentration erfordern und mehr Zeit für Privates ohne den Arbeitsweg zum Büro. Auf motivierende soziale Kontakte und die direkte Kommunikation im Büro muss trotzdem niemand verzichten - in den Präsenzzeiten bleibt Zeit genug für Lob, Kritik und Flurfunk.“

Laut aktuellen Umfragen ergibt sich die optimale Arbeitssituation aus drei Tagen Homeoffice und zwei Tagen Präsenz im Büro. Das hybride Modell fördert gleichzeitig die individuelle Flexibilität wie auch soziale Kontakte. Bildquelle: istock/Aleutie

Hybride Modelle sind am effektivsten

Flexible hybride Arbeitsmodelle scheinen also die Produktivität am stärksten zu erhöhen, das ergaben auch aktuelle Untersuchungen in den USA – 64 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer bevorzugen den Wechsel aus Präsenz und Homeoffice.

Und auch die IZA-Studie hält flexible Arbeitszeit- und Ort Modelle für die beste Variante. Mitarbeiter:innen, die zuhause effektiv arbeiten können, sollte das ermöglicht werden, während diejenigen, die sich im Büro wohler fühlen und dort besser arbeiten können, diese Möglichkeit auch bekommen - zumindest an einigen Tagen in der Woche. „Auf diesem Wege wären Unternehmen in der Lage, das Beste aus beiden Welten zu nutzen. Darüber hinaus werden Firmen weiter lernen und die Homeoffice-Praxis verbessern.“ Darunter fällt natürlich auch die technische Ausrüstung des Arbeitsplatzes Zuhause, der auf Dauer den Anforderungen eines Büroarbeitsplatzes voll entsprechen sollte.

Die Analyse der Deutschen Bank kommt ebenfalls zu dem Schluss: „Hybriden Arbeitsmodellen gehört, soweit es die betrieblichen Aufgaben zulassen, die Zukunft. Darauf deuten sowohl Befragungen in den Führungsetagen als auch die Antworten von Arbeitskräften hin. Durchschnittlich zwei Arbeitstage im Homeoffice und drei Tage im traditionellen Büro könnte die neue Normalität in der Post-Corona-Welt werden.“  Um Angestellten hier möglichst gute Hilfestellungen zu geben, gibt eine Reihe von Tools: E-Learning-Angebote und Webinare für entsprechende Fortbildungen sowie hilfreiche unternehmensinterne Guidelines. Neben rein technischen Fragen spielen dabei immer auch gute Kommunikation, Teambuilding und Führung eine zentrale Rolle.
Es lohnt sich also auch in Zukunft, in bequeme Lounge-Klamotten zu investieren.


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Stand des Artikels: 11.02.2022
Die Autorin

Alina Nagel

MEDISinn-Redaktion

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